Gelée Royale

Vorwort
Juni 2015: Beim vormittäglichen Abfüllen einer delikaten Robinienernte klingelt das Telefon:

Anrufer: "Ich bin auf der Suche nach Gelée Royale - haben Sie welches?"
Ich: "Nein, da werden Sie auch Schwierigkeiten haben, welches aus Deutschland zu bekommen. In der Regel stammt das alles aus chinesischer Produktion."
Anrufer: "Nein, das möchte ich nicht - es soll ja natürlich sein! Eben biologisch."
Ich: "Das wird wohl schwierig, denn die Gewinnung von Gelée Royale ist ethisch und "natürlich" nicht durchführbar. Wozu brauchen Sie das denn überhaupt?"
Anrufer: "Ich nehme das schon seit zwei Jahren, jeden Morgen ein bisschen davon auf nüchternen Magen und habe kein einziges Mal eine Erkältung bekommen - das ist gut für das Immunsystem!"

Ich erklärte dem Anrufer noch, daß das Produkt zwar immer wieder in Kosmetik eingesetzt wird und es eben hauptsächlich aus Wasser, Eiweiß, Zucker und Fetten besteht aber daß es praktisch genauso sinnvoll und hilfreich sei wie Walfleisch, Nashorn- oder Tiger"produkte". Das hielt ihn aber nun nicht ab und so wird er munter bei den nächsten Imkereien anrufen.

Was ist Gelée Royale überhaupt?

Gelée Royale, auch "Schwesternmilch" oder "Weiselfuttersaft" genannt, ist eine weissliche, milchig-gelartige Sustanz die neben Wachs das einzige "echte" Bienenprodukt ist - beide Substanzen werden von den Arbeiterinnen direkt erzeugt und nicht durch Umarbeiten aus natürlichen Pflanzenprodukten gewonnen (wie z.B. Honig, der aus Nektar gemacht wird).
Die Arbeiterinnen und zwar die "Ammenbienen" produzieren das Sektret in großen Drüsen, die sich im Kopf befinden und dort mehr Raum als das eigentliche "Gehirn" der Biene einnehmen. Alle Larven im Stock erhalten nur dieses Sekret in den ersten drei Lebenstagen als Nahrung. Dann wird zunehmend mehr Pollen zugemischt bis die Bienen dann nach der Verpuppung und dem Schlupf reine Nektar- oder Honigfresser werden. Nur Bienen mit einem besonderen Eiweißbedarf wie z.B. die Königin oder die Ammenbienen, nehmen noch als Bienen auch Pollen zu sich.

Larven, die zu Königinnen heranwachsen sollen, erhalten dahingegen den Weiselfuttersaft in der gesamten Larvenzeit und das in großen Mengen. Das im Weiselfuttersaft vorhandene Protein Royalactin fördert die Entwicklung der Eierstöcke und die schnelle Reifung zur Königin - in 16 Tagen schafft es so das Ei zur Königin während Arbeiterinnen dafür 21 Tage brauchen.

Wer als ImkerIn Königinnenzellen im Rahmen der Schwarmvorbeugung bricht, kommt häufig in die Gelegenheit, diesen besonderen Saft in reiner Form verkosten zu dürfen. Es ist ein eigentümlicher, fast synthetisch anmutender Geschmack und weit davon entfernt, nun als "lecker" bezeichnet werden zu können.

Königinnen-Zelle - Bild: Melanie von Orlow
Offene und bereits geschlossene Weiselzellen - BIld: Melanie von Orlow

Warum sollten Menschen Gelée Royale verzehren/verwenden?

Viele apitherapeutische Websites werben mit den angeblich guten und gesundheitsfördernden Eigenschaften von Gelée Royale. Tatsächlich gibt es viele Inhaltsstoffe, die in Labortests und Fütterungsversuchen interessante Eigenschaften haben - ob hemmend beim Wachstum von Krebszellkulturen oder Unterstützung der Immunabwehr. Viele Vitamine und Mineralstoffe erwecken den Eindruck eines durchweg gesunden Produktes mit möglicherweise guten, zusätzlichen Effekten so daß man insbesondere bei schwestkranken, austherapierten Patienten mehr als Verständnis haben kann wenn diese dann zu diesem, verhältnismäßig teurem Produkt greifen.

Warum man jedoch nur aus Sorge vor einem gelegentlichen Schnupfen oder Fältchen zu Produkten mit Gelée Royale greift, bleibt mir schleierhaft - selbst gelegentliche Berichte über Unverträglichkeiten bis hin zum anaphylaktischen Schock halten die Nutzer offenbar nicht davon ab.

 

Wie wird Gelée Royale imkerlich gewonnen?

Gelée Royale wird naturgemäß von den Bienen in grossen Mengen produziert aber das stets frisch - es gibt keine Lagerhaltung noch ist das Sekret lagerfähig.

Tatsächlich ist schon bei der Ernte darauf zu achten, es schnellstmöglich auf Temperaturen zu kühlen, die Bakterien und Pilze daran hindern, das nährstoffreiche Sekret umgehend zu zerlegen. Die dazu erforderliche, hygienische Ernte erfolgt in der Regel mit Vakkumpumpen und einem dünnen Schlauch, mit dem der Futtersaft aus den Königinnenzellen gesaugt und in gekühlte Auffangbehälter transportiert werden. Im Hobbymassstab wird dazu natürlich auch gerne ein Spachtel, Löffelstiel oder ähnliches verwendet.

 

Warum lehne ich die Gewinnung von Gelée Royale ab?

geöffnete Weiselzelle - Bild: Melanie von Orlow
Blick in die Weiselzelle mit Gelée Royal (GR) - Bild: Melanie von Orlow

Um marktwirtschaftlich relevante Mengen von bis zu 500 g pro Volk und Jahr zu gewinnen ist es erforderlich, die massive Anzucht von Königinnen zu stimulieren. Dazu muss das Volk ohne Königin sein so daß es sich intensiv um in speziellen Rahmen eingehängte Brutzellen kümmert und versucht, daraus Königinnen zu ziehen.

Da das restliche Gelée Royale während der Puppenruhe der Königin zu einem gummiartigen Pfropf eintrocknet, kann es nur in der Zeit gewonnen werden, in der die Zellen noch offen sind. Also werden die Larven kurz vor der Verpuppung entfernt (und damit vernichtet) um dann das Gelée Royale abzusaugen. Dann werden die so "abgeernteten" Brutzellen entfernt und neue gegeben. Dies ist bei einem starken Volk etwas drei bis vier Mal möglich ehe es scheinbar demotiviert mit den Anzuchtbemühungen nachläßt und die Bienenmasse zu stark abnimmt.

Zur Ernte von 10 g Gelée Royale, einem zwar hochwertigen aber keinesfalls durch andere Nahrungsmittel unersetzlichem Produkt, müssen also 40 bis 50 angehende Bienenköniginnen "abgetrieben" werden.

Zwar wird hier keine vom Aussterben bedrohte Tierart wie Tiger, Elefant oder Nashorn abgeschlachtet doch die gleiche Sinnlosigkeit der Handlung liegt dieser "Ernte" zugrunde - kein "Naturprodukt" sind solche Laborergebnisse (und damit zweifelhafte Übertragbarkeit auf den Menschen) wert; besonders grotesk sind dann Angebote wie "Bio-Gelée Royale" mit einem Kilopreis von rund 110 €.

Interessanterweise ist die Aufregung in der Öffentlichkeit um geschredderte, "überflüssige" Hühnerküken oder willentlich getötete Bullenkälber größer als um ein paar Insekten (leider in allen Fällen noch nicht groß genug...). Ich halte es mit dem Selbstbildnis eines Landwirts oder Imkers für nicht vertretbar, Leben "zum Wegwerfen" zu erzeugen und bemühe mich, durch entsprechendes Käuferverhalten dies auch in meiner Produktauswahl zum Ausdruck zu bringen.

Wer als Imker seine Bienen liebt und schon bei dem Zellenbrechen zur Schwarmverhinderung oder dem Drohnenbrutschneiden Gewissensbisse und Nöte hat, muß sich fragen ob Geld und ein möglicherweise verhinderter Schnupfen diese Barbarei rechtfertigt.

Für mich lautet die Antwort ganz klar nein und daher gibt es bei mir kein Gelée Royale zu kaufen.

Bis zum Vorbringen besserer Gründe wird es dabei auch bleiben...

P.S.: Wer es mal kosten mag ist herzlich eingeladen, zur Schwarmzeit zwischen Mitte April und Mitte Mai vorbei zu kommen aber ich denke, nach dem Kosten wird sich die Begeisterung dann auch gelegt haben.

 

 

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