Tropische Hornissenart in Frankreich entdeckt

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Vespa velutina (mit freundlicher Genehmigung von John L.)
In Frankreich, in Aquitanien (in 5 Departements, inkl. Bordeaux), existiert eine sich offenbar ausbreitende, stabile Population der tropischen Wespe Vespa velutina (Lepeletier, 1836). Die Tiere wurden im Herbst 2005 in Lot-et-Garonne entdeckt und wurden seither in der Dordogne, der Gironde, in Tarn-et-Garonne, der Haute-Garonne und den Hautes-Pyrénées nachgewiesen. Man erwartet die weitere Ausbreitung in Richtung Spanien. Leider erfährt die Art in der derzeitigen Berichterstattung offenbar oft Verwechselung mit Vespa mandarinia und wird als "bienenmordende Monsterhornisse" stilisiert. Das ist nicht korrekt.

Die Art bildet in ihrer Heimat Südchina, Thailand, Malaysia, Vietnam und Indonesien recht große Nester (ca. 60 cm in Länge) an hoher Stelle (in Bäumen o.ä.) und ist eine eher kleinere Verwandte der hiesigen europäischen Hornisse. Die Königinnen haben eine Körperlänge von rund 3 cm, die Arbeiterinnen messen rund 2,4 cm in Länge.
Die Tiere sind weitgehend schwarz mit goldener Behaarung. Eine dünne, gelbe Linie markiert den Segmentrand des ersten Abdminalsegmentes. Das dritte und vierte Segment weisen eine gelb-orange Färbung auf während das fünfte und sechste Abdominalsegment braun sind. Das Kopfschild ist leuchtend orange, der restliche Kopf schwarz bis dunkelbraun. Es existieren mehrere Unterarten und die Tiere weisen offenbar eine Vielzahl an Farbvariationen auf - die in Frankreich entdeckte Variante wird als Vespa velutina nigrithorax bezeichnet.
Es handelt sich um eine gewandte Flugjägerin die einer Vielzahl von Insekten - darunter Honigbienen - nachstellt. Sie kann sogar rückwärts fliegen. Da die Tiere auch direkt am Flugloch von Bienenbeuten Honigbienen nachstellen werden sie häufig als "spezielle Bienenkiller" - ähnlich dem Bienenwolf - betrachtet. Allerdings wurde im Vergleich gezeigt, daß die asiatischen Honigbienen A. cerana bei der Abwehr dieser vor dem Flugloch lauernden Jäger wesentlich effektiver sind so daß die Wespe bei Wahlmöglichkeit zwischen beiden Honigbienenarten die Stöcke von Apis mellifera bevorzugt anfliegt. Dort ist ihr Jagderfolg rund dreimal höher als bei Völkern der asiatischen Honigbienenart. Allerdings ist diese Jagd von Vespa velutina auf rückkehrende Sammlerinnen in Asien nicht vergleichbar mit der im Spätsommer auftretenden, koordinierten Attacke der japanische Riesenhornisse Vespa mandarinia japonica. Diese tötet gezielt jede ein- und ausfliegende Biene ab um an das Brutnest zu gelangen und die Bienenbrut gezielt an die eigenen Larven zu verfüttern. Auch hier erweist sich die importierte, ertragreichere Honigbienenart Apis mellifera als das eigentliche Problem da diese Art im Gegensatz zur einheimischen und an die Räuber angepassten Honigbienenart kein effektives Verteidigungsverhalten besitzt. Die besser angepasste, einheimische Art Apis cerana verteidigt ihre Nester effektiv durch einen besonders schnellen Anflug, effektivere Wächterstrategien und dem "Heat-Balling" bei der eindringende Wespen von rund 500 Bienen eingehüllt und durch Aufheizen des Inneren gezielt abgetötet werden.

Vespa velutina jagt dahingegen gezielt heimkehrende Honigbienen als Beute für die eigene Brut. Eine aktuelle Studie zum dem als "Bee-Hawking" bezeichneten Jagdverhalten vor den Fluglöchern von Honigbienenvölkern A. mellifera zeigt, daß die Wespe bei im Schnitt 21 Besuchen pro Stunde 6 Bienen erbeutet - bei der Jagd duldet sie in einem Revier von ca. 1 qm keine andere Wespe; die Stockgenossinnen jagen also nicht koordiniert. Damit beläuft sich der tägliche Verlust eines solchen Volkes auf ca. 75 Bienen pro Tag - die über Co-Evolution besser angepasste A. cerana muss dahingegen bei nur geringerem Wespenbesuch von 7 Jagdversuchen pro Stunde nur rund 10 Bienen den Wespen überlassen. Bei ihr fliegen die Sammlerinnen wesentlich schneller und gezielter das Flugloch an und die Wächterbienen weisen ein besonderes Abwehrverhalten auf mit dem sie die jagenden Wespen durch Lichtreflexe ihrer Flügel irritieren.

Die Art ist in ihrer Heimat langzyklisch und ist vermutlich zwischen März bis Oktober aktiv. Es wird vermutetet, daß die Art bereits 2004 mit chinesischen Importwaren (Früchten, Tonwaren, Holz o.ä.) versehentlich importiert wurde. Den bisherigen Beschreibungen nach verhalten sich die Tiere friedlich und defensiv; reagieren aber empfindlich bei Annäherungen unter 2 m. Als Freinister verteidigen sie ihre Nester dann heftig mit Attacken im Schwarm. Sie bauen ihre Nester hierzulande offenbar auch ähnlich wie Langkopfwespen in Dachböden und Schuppen; zieht aber Waldlage vor, in deren Wipfel sie ihre Nester mit tw. erheblicher Populationsdichte errichtet. Bei der Art ist die Migration bekannt, d.h. das Volk kann geschlossen unter allmählicher Aufgabe des alten Nistplatzes umziehen. Nach Beschreibungen scheint es sogar die Regel zu sein, daß die Königin ihr Nest alleine an einer versteckten Stelle (auch unterirdisch oder in niedrigen Büschen) gründet und das Volk dann unter Neubau in hohe, exponierte Lagen umzieht. Die Völker sollen mehrere Tausend Tiere umfassen. Wie alle Wespen verteidigen sie ihre Nester bei Störungen - die Stiche werden als schmerzhaft beschrieben und ähneln in seinen Auswirkungen offenbar denen der heimischen Hornisse. Er ist aber nicht in dem Sinne einer besonderen Giftwirkung gefährlich.

Die Ausbreitung dieser Art zeigt damit, dass tropische Arten - wie auch sicherlich Vespa mandarinia - durchaus das Potential haben, hierzulande stabile und sich ausbreitende Populationen zu bilden. Die momentane Ausbreitungstendenz zeigt, daß die langzyklische Art mit dem mediterranen Klima gut zurechtkommt und offenbar nur geringen Gegendruck durch einheimische Feinde oder Konkurrenten erfährt. Es bleibt - wie so oft bei solchen Neubürgern - nur die Möglichkeit des Abwartens und Beobachtens in wie weit diese Art nun Einfluss auf die heimische Fauna haben wird. Die Einschleppung dieser Art verdeutlicht wieder die Gefahren des weltweiten Warenverkehrs, dessen Folgen leider nun nur noch abzuwarten ist da der Prozeß inzwischen unumkehrbar geworden ist. Beispiele für verheerende Folgen solcher Verschleppung von Insekten gibt es inzwischen genug – so hatte die Einfuhr der Deutschen und Gemeinen Wespe (Vespula germanica, V. vulgaris) nach Neuseeland verheerende Wirkung für die dortige Natur. Die massenhafte Ausbreitung durch fehlenden Feindesdruck und das reichliche Nahrungsangebot in den „Honigtauwäldern“ führte zum Zurückdrängen zahlreicher einheimischer Insektenarten. Inzwischen hat Neuseeland die weltweit größte Dichte an Wespennestern – mit 50 bis 60 Nestern pro Hektar – deren enormer Futterkonsum eine Bedrohung der einheimischen Nahrungskette darstellt. Zudem ist die Imkerei erheblich beeinträchtigt, da die großen Völker massiv Bienenvölker ausrauben – von der Gefährdung von Waldbesuchern und Waldarbeitern abgesehen.

Die Wespe sofort als Bedrohung für die französische Imkerei abzustempeln ist jedoch auch bei Betrachten der Lebensweise diese Art nicht gerechtfertigt - selbst bei einer großen Nestdichte ist aufgrund der Revierbildung bei der Jagd vor dem Honigbienenvolk nur ein begrenzter Verlust zu erwarten der von einem gesunden Bienenvolk kompensiert werden kann. Imker sollten sich eher für die zu erwartende Einschleppung des Beutenkäfers wappnen, der unseren Bienen weitaus verheerender zusetzen wird.

Veröffentlichungen: Jean Haxaire, Jean-Pierre Bouguet et Jean-Philippe Tamisier. Vespa velutina Lepeletier, 1836, une redoutable nouveauté pour la faune de France (Hym., Vespidae), Bulletin de la Société Entomologique de France, 111 (2), 2006 : 194.
K. Tan,S. E. Radloff, J. J. Li,H. R. Hepburn, M. X. Yang, L. J. Zhang and P. Neumann (2007): Bee-hawking by the wasp, Vespa velutina, on the honeybees Apis cerana and A. mellifera Naturwissenschaften, online publiziert am 19.1.2007

Kommentare

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Update zu Vespa velutina

Hier ein paar Ergänzungen zum Kenntnisstand zur Vespa velutina in Frankreich vom August 2009:

Mittlerweile existiert förmlich ein Füllhorn von Informationen in den französischen
Medien uber Vespa velutina. Ich sage "Informationen", ohne das zu bewerten.
Die Histerie in manchen Quellen ist enorm und von anderen Artikeln abge-
schrieben, und das meistens mit noch erwas mehr Pfeffer, um den Artikeln noch
interessanter und würziger zu gestalten. Sogar "wissenschaftliche Werke" muss
man mit Vorsicht geniessen. Ein Bekannter von mir in der Aquitaine, der auch
Präsident eines dortigen Imkervereins ist, meldet Verluste von 80% seiner
Völker (07-08) - Täter V. velutina. Ich kann es nicht in Abrede stellen, aber ich
bin skeptisch. Ein anderer meldet Verluste von 15 Völker, wofür Velutina...
probablement...verantwortlich ist (Stichwort: probablement-vielleicht,könnte
sein, probably). Der Rummel ist so gross, dass es jetzt eine Kampagne gibt, die
Nester zu vernichten. Im Gironde (Departement Bordeaux) hat man in 2007
über 2000 Nester zerstört. Feuerwehren davon 700. Allesgefeiert als ein
grosser Sieg über Velutina. Vielleicht hätte es auch sein können, wäre es nicht
für den Zeitraum der Aktionen. Die überwiegerde Mehrheit (schätze 70%) wurde
in den Monate November, Dezember und Januar zerstört.
Dann kommen die ausgeklügelten Fallen(auch eine grosse Kampagne), geködert
mit dem üblichen. Nur die Beuteliste von einer habe ich gesehen...200+Vespa
crabro und 30-40 V. velutina. Von Schmetterlingen, käfern, Ameisen reden wir
nicht. Oder 2000 Fondatrices (Jungköniginnen) wurden in einem anderen Kampagne vernichtet.
Man kann die Sorge und Ängste vom Imker einigermassen verstehen. Die
französische Honigproduktion seit 1995 Jahr für Jahr gesunken. Also lange
vor Velutina auf die Bühne erschien. Ausser im vergangenen Jahr 2008. Die
Produktion in 2008 war 2000Tonnen mehr als für 2007 (18000T)...ich nenne das
ein erheblicher Anstieg. Der wahre Täter ist allerdings nicht V. velutina über die
Jahre, sondern die Insektizide, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden.
Man hat Gaucho und Regent gestrichen. Aber da kommt noch eins; Cruiser.
Da lässt sich einiges schon jetzt feststellen (persönliche Meinung);
1. V.velutina ist nicht mehr wegzudenken.
2. Nach den ganzen Vernichtungsaktionen ist auch offensichtlich wie resilient
und robust diese Spezies ist.
3. Bis jetzt ist es nicht erwiesen, dass Velutina ein einziges Bienenvolk in F.
zerstört hat. Velutina ist kein Unschuldslamm, aber sie soll nicht dafür büssen,
was andere eingebrockt haben.
4. Die Aggressivität scheint nicht so toll zu sein, wie berichtet. Anscheinend
gibt es deutliche Unterschiede zwischen Ostasien und F. Wenn im Siedlungs-
bereich scheint Velutina ihre Pappenheimer zu erkennen und tolerieren. Und das
aus französischen Quellen. Man spricht sogar von einem Verhalten wie bei V.
crabro.
5. Was Ausbreitung angeht: sie erobert weiterhin Departement auf Departement.
Es hat auch einen Quantumsprung gegeben nach Bourgogne, also die Gegend
wo Dijon ist. Die Sache ist angeblich dokumentiert und gilt als Faktum. Leider
habe ich im Augenblick keine Details.
6. Die neueste Forschungsstudie erscheint in Ann,soc.entomol.Fr. 2009,
45(1):119-127.
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Der zuletzt erwähnte Artikel hängt unten als PDF an. Die Untersuchungen wurden an offenbar relativ kleinen Nestern durchgeführt, die vom Verhalten offenbar Vespa crabro ähnelten. Also offenbar eine recht friedliche Art. Bestätigt wurde auch die Tendenz zur Bejagung der Honigbiene, die den wesentlichen Teil der Beute stellten. Die Autoren schreiben von 25 bis 50 Honigbienen pro Tag. Interessant wären jetz Untersuchungen zur Nestdichte - wie viele Völker kommen pro km2 vor? Leider scheinen derzeit nur Vernichtungsaktionen statt zu finden ohne vorherige Analyse der Situation - dabei ist velutina offenbar nicht mehr zu beseitigen und man erwischt vornehmlich unbeteiligte Dritte mit solchen Fangaktionen.

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Vespa velutina in 2009 auch in Paris entdeckt

In 2009 wurde Vespa velutina erstmals in Paris entdeckt. Da jedoch die Departements zwischen Paris und Bordeaux keine Besiedlung meldeten handelt es sich womöglich um inlands verschleppte Tiere. Die Art steht aber damit vor Deutschlands Haustür. Allerdings braucht man sich vor dieser Hornisse nicht fürchten - die Population im Kerngebiet um Bordeaux ist inzwischen wieder auf 10% der einst beobachteten Populationsgröße zurückgegangen was auf den Einfluß natürlicher Predatoren zurückgeführt wird. Die Versuche der Franzosen, die Art wieder auszurotten sind daran jedoch kaum beteiligt - Fangversuche mit Wespenfallen führten zu ungeheuren Mengen an Beifang (darunter viele Schmetterlinge, Bienen und europäische Hornissen) und stellten dabei gerade mal 8 Exemplare von Vespa velutina. Zwischenzeitlich sind mehr Menschen durch die Bekämpfung der Art ums Leben gekommen als durch die Stiche der Tiere selbst - da Vespa velutina bevorzugt sehr hoch in Bäumen nistet, stürzen bei den Kletteraktionen immer wieder Menschen ab.
Inzwischen existieren auch erste Empfehlungen für Imker gegen die Bejagung der Völker durch die Asiatische Hornisse. Da die Tiere bevorzugt vor dem Flugloch in der Luft stehend auf anfliegende Arbeiterinnen lauern, wird die Pflege eines höheren Bewuchses vor den Fluglöchern empfohlen. Auch eine Verengung des breiten Flugloches soll sich bewährt haben. Die Beutespektren zeigen jedoch, daß sich vornehmlich stadtnah nistende Hornissenvölker vermutlich aufgrund des größeren Bienenangebotes vermehrt auf Honigbienenvölker einfliegen; bisher ist kein Honigbienenvolk nachgewiesenermaßen durch die Bejagung eingegangen.

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