Es ist Karfreitag vor 6 Jahren, der 25. März, morgens in Hannovers Innenstadt, Fußgängerzone, nahe dem Leinefluß. Vor mir auf dem Betonpflaster liegt eine Erdhummelkönigin auf dem Rücken und rührt sich nicht. Ist sie tot? Ich hebe sie behutsam auf. Da, sie bewegt ihre Beinchen. Sie lebt gottlob. Ein schönes großes Exemplar, anscheinend unverletzt und ohne sichtbare Parasiten. Sie ist klamm; kein Flugbetriebsstoff mehr, was nicht wundert, denn hier ist weit und breit nichts zu sehen, was auch nur ansatzweise an Hummeltracht erinnert. Was tun? Ihrem Schicksal werde ich sie nicht überlassen und nehme sie mit. Vergeblich suche ich nach irgendeiner Blüte, in die ich sie setzen könnte. Da komme ich zu einem gerade geöffneten Lokal, trete ein und bitte um eine Untertasse mit lauwarmen Wasser, die ich auch prompt bekomme. Während ich die Hummel in der linken Hand halte, schütte ich den Inhalt eines kleinen Zuckertütchens, das ich mit den Zähnen aufreiße in die Untertasse und rühre mit einem Zahnstocher um. Beides ist praktischerweise auf jedem Gasttisch vorzufinden. Jetzt die Hummel an den Rand der Pfütze mit Zuckerlösung gesetzt. Da bemerkt die Kellnerin das Insekt und ekelt sich sichtlich. Also trete ich vor die Tür und mache alles Weitere im Stehen. Zunächst interessiert sich mein kleiner Schützling wenig für die Zuckerlösung und bewegt sich nur in Zeitlupe. Kommt man ihr mit dem Finger nah, streckt sie wie zur Abwehr ein Beinchen vor. Nun aber fährt sie ihren Rüssel aus und nimmt tatsächlich Lösung auf. Aus der Rüsselspitze wird eine kleine Zunge vor- und zurückgeschoben. Das geht nun eine ganze Weile so und jetzt beginnt sie mit dem Abdomen auf und ab zu wippen. Ist das ein gutes Zeichen? Während ich noch überlege passiert es plötzlich: Ganz unvermittelt breitet sie ihre Flügel aus, hebt ab mit lautem Gebrumm und steigt steil und kraftvoll weg in den diesigen Himmel. Ohne zu kreisen fliegt geradewegs höher und höher, als wollte sie erst mal möglichst viel Luft zwischen sich und den Boden bringen. Und da ist sie meinen Blicken auch schon entschwunden. Viel Glück auf all deinen Wegen, kleine Königin, denke ich noch und gehe froh und glücklich weiter.
Reinhard Lindner
Danke für diese tolle Geschichte
Eine wirklich tolle Geschichte war das. Ein Happy End ohne Gleichen.
oder kennen wir das aus der Bibel!?
Hornissenberater.de
Erik
Super...
...auch von mir ein Dankeschön! Vermutlich eine grad erwachte Königin; die sind dann noch sehr träge und wie schnell hat sie dann ein Vogel oder ein unbedachter Fuß erwischt. Wie schön wenn es mal anders ausgeht!
Melanie
- Webmaster von www.hymenoptera.de -
Herzliche Ostergrüße und danke für die nette Antwort!
Das war für mich wirklich ein unvergeßliches Erlebnis. Es war für mich auch die erste praktische "Hummelnotbetankung" überhaupt. Den Hinweis, klammen Hummeln -wenn nichts anderes da- in Wasser aufgelösten Raffinadezucker anzubieten, hatte ich in einem Hummelbuch gelesen. Klar, Bienenvölker kriegen das ja auch. Danach ist mir dieses Verfahren nur noch ein einziges Mal gelungen, aber auch nicht so gut wie beim ersten Mal. Es war eine kleine Arbeitshummel, die danach aber nicht sehr weit flog und dann ohne rechten Schwung in einem Gebüsch herumkrabbelte. Meistens klappt es auch überhaupt nicht. Die Hummeln sind einfach schon zu geschwächt, zu sehr verletzt, wenn man sie aufsammelt. Es wird erst gar nichts aufgesaugt und wenn doch, ist es nicht sicher, daß die Hummel auch wieder in die Luft kommt. Aber dieser Karfreitag war eben ein besonderer Tag und vielleicht hatten höhere Mächte die Hand im Spiel, wer weiß? Bleibt nachzutragen, daß die Leute im Lokal ihre Untertasse natürlich mit Dank zurückerhielten unter Hinweis auf erfolgreiche Hummelrettung. Was da eigentlich vor sich ging hatten sie zwar nicht so ganz realisiert, aber darauf kam es auch gar nicht an.
Reinhard Lindner
Das funktioniert wirklich!!!
Heute nachmittag 17:00 Uhr.
Sitze im Garten und entdecke eine Hummel inaktiv hängend an einer Glockenblume.
Denke, Sie macht ein Päuschen und ruht sich aus.
Zwischenzeitlich meine Frau zu einem Treffen gebracht, 19:15 Uhr wieder zuhause.
Die Hummel hängt immer noch in der gleichen Position an der Glockenblume.
Mittlerweile ist es ziemlich abgekühlt, von ca. 24° auf ca. 15° - was aber eigentlich kein Grund zur Sorge sein dürfte, mache ich mir aber trotzdem. Ich streichle der Hummel über die Flügel, bemerke, dass sie sich nur sehr wenig und schwer bewegen kann. Ich versuche, sie auf einen Teller abzustreifen, um ihr ein wenig Wasser mit Bienenhonig anzubieten, aber sie ist so steif, dass sie die Umklammerung der Glockenblume nicht lösen kann.
Ich schneide den ganzen Stil mit Blüte und Hummel ab und lege sie auf den Teller und beginne, die Hummel mit meinem warmen Atem zu wärmen. Ihre Bewegungen werden kräftiger. Einen Tropfen Honigwasser lasse ich vor ihre Nase auf den Teller fließen. Irgendwie scheint sie der Geruch zu interessieren, ob sie etwas davon aufgenommen hat, kann ich nicht sagen, aber sie beginnt, rhythmisch mit dem Hinterleib zu pumpen. Ich beatme sie weiter.
Langsam löst sie die Umklammerung der Blüte und sie beginnt, die Beine zu strecken und versucht, die Flügel zu bewegen, erst unkoordiniert, dann gleichmäßig tief brummend - und erhebt sich schließlich in unseren Gartenhimmel!
Das Ganze dauerte vielleicht 5 Minuten.
Ich hoffe, dass ich da jemandem in einer Notlage helfen konnte und wünsche ihr alles Gute.
So etwas kann einen wirklich glücklich machen, selbst Kleinsttieren helfen zu können.
Gruß achim